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Alte Obstsorten

Vorstellung eines Modellfrüchte Kabinetts, hergestellt 1912, präsentiert im Museum im Ursula-Stift  Gussenstadt als Dauerausstellung

Die Gussenstädter Modellfrüchte sind eine wahrhaft seltene Sammlung. Sogar ein Unikat hergestellt vom Pomologischen Institut  L. Zwirner Nachfolger Lautenbach (Baden). Nach Abgleichen mit zahlreichen anderen Modellfrüchte-Nachbildungen in vielen Museen im In- und Ausland darf dies mit Bestimmtheit gesagt werden.

Die Vielfalt der alten anbauwürdigen Kernobst- und Steinobstsorten wird in den naturgetreuen Nachbildungen dem Naturfreund wie dem Kunstkenner gezeigt und für die Gegenwart dokumentiert.

Baden-Württemberg war und ist aufgrund seiner bevorzugten Lage. seiner Bodenbeschaffenheit und des milden Klimas bereits seit Anfang des Obstbaues ein früchte- und sortenreiches Anbaugebiet. Rudolf Goethe, Direktor der  Königlichen Obst- und Weinbauschule in Geisenheim, führte 1900 eine Obstbaumzählung durch. Danach betrug die Gesamtzahl der ertragsfähigen Obstbäume 10 885 560, dabei entfielen auf den Neckarkreis 1560 Obstbäume pro 100 ha landwirtschaftlicher Fläche. Eine Größenordnung, die in keiner anderen Region in Deutschland erreicht wurde.

Herausragenden Pomologen wie Johann Caspar Schiller, der Vater des berühmten Dichters Friedrich Schiller, befasste sich bereits Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Ausdehnung des Hochstammobstbaus. Unter dem Patronat seines Landesfürsten,  Herzog Carl Eugen, betrieb er in der Baumschule auf dem Schloss „Solitude“ eine systematische Obstbaumzucht. In seinem 1795 erschienen Obstbaumwerk, der lesenswerten Pomologie “Die Baumzucht im Großen aus zwanzigjähriger Erfahrung im Kleine beurteilt“ beschreibt er die Baumzucht, die Behandlung, die Kosten sowie den Nutzen und den Ertrag der Obstgehölze.

Die Herausgabe der Zeitschrift „Monatsschrift für Pomologie und Obstbau“ von

Conrad Oberdieck und Eduard Lucas, zwei führenden deutschen Pomologen, gaben dem Ostbau weitere fördernde Impulse.

Eduard Lucas war zudem der Gründer des Pomologischen Instituts in Reutlingen und  förderte die Ausbildung der Gartenbau- und Obstbauschüler. Er setzte sich wie Conrad Oberdieck für die Verwendung der naturgetreuen Nachformungen von Stein- und Kernobstsorten als Lehrmittel ein und achtete streng auf die Richtigkeit der Sortennamen.

In Reutlingen wurde diese anschauliche Lehrmethode an „seinem“ Institut mit Erfolg eingeführt. Lucas förderte die Anwendung der Modellfruchtsammlungen in Obstbauvereinen, in gärtnerischen und landwirtschaftlichen Instituten und Bibliotheken und in Museen.

Das Fruchtkabinett im Museum Gussenstadt enthält 20 Apfelsorten, 21 Birnensorten,

acht Zwetschgen- und Pflaumensorten, eine Reneclaude, eine Mirabelle, eine Aprikose, einen Pfirsich, vier Süßkirschen, eine Sauerkirsche, eine Quitte und als Kuriosum die Tomatensorte „Gigant“.

Die einzelnen Früchte wurden aus einer Gips-Pappmaschemasse modelliert, mit natürlichen Temperafarben bemalt und abschließend mit einer Wachs-Paraffin Mischung überzogen. In diesem Gemisch wurde mit Farbpigmenten die natürlichen Oberflächen der Frucht, egal ob glatt, rau oder mit Rost überzogen,  naturgetreu nachgebildet. Die Temperamalerei ist eine uralte Malkunst, die sich durch eine hohe Farbintensität, Leuchtkraft, Farbtiefe und gute Deckfarbigkeit auszeichnet. Diese mehrphasigen, Öl in Wasser oder Wasser in Öl, Bindeemulsionen sind auf  Proteinbasis (Kasein Ei-Stärke) aufgebaut und wurden mit Farbpigmenten versetzt. Diese Spezialfarben müssen vor dem Bemalen immer wieder neu gemischt werden, da sie leicht verderben. Diese beeindruckende Färbtechnik lässt uns auch heute noch vor Ikonen staunend betrachten und zählt heutzutage zu den fast ausgestorbenen Handwerkskünsten.

Für die Fruchtformung wurden meist Modeln aus Gips zum Abdruck der echten Frucht vom Baum verwendet. Die wichtigen äußeren pomologischen Merkmale der Frucht wie die Stiel und der Kelch mit den Blütenresten wurden aus natürlichem Material oder aus verschiedenen Werkstoffen geschickt eingefügt. Als Vorlagen dienten neben der echten Baumfrucht oft auch Abbildungen aus farbenprächtigen Pomologien mit  kolorierten Kupfertafeln oder mit Chromolithographien (Steindrucke). Kleinere oder verderblichere Früchte wie das Steinobst (Kirschen, Pflaumen) wurden meist mit der Hand geformt, daher rührt die oft deutlich dickere Wandstärke. Vergleicht man die Gewichte der Modelle mit den echten Naturfrüchten wurden  diese Eigenschaften bei der Modellierung ebenfalls berücksichtigt. So wiegt der Luikenapfel 136g,  die Pastorenbirne 201g, und die Pflaume Schöne von Löwen 65 g. Diese Angaben stimmen überein mit den in der Literatur aufgeführten Gewichten für sortentypische Früchte.

In der Sammlung Gussenstadt sind wahre Raritäten in der Kollektion enthalten. Die Französische Quitte ist eine seltene Kernfruchtart, die in anderen Pomologischen Kabinetten meist keine Berücksichtigung fand.

Im Winter 2005/2006 restaurierte eine Restauratorin aus Stuttgart, die mit der alten Handwerkskunst vertraut ist, diese einmalige Sammlung. Seit April 2006 erstrahlen die 1912 hergestellten Obstmodelle in neuem Glanz.

Der Aufbau der Sammlung in Gussenstadt spiegelt die anbauwürdigen Obstarten von Württemberg und speziell für  die Schwäbische Alb wieder. All jene Obstsorten sind vertreten, die um die Jahrhundertwende im Königreich Württemberg häufig angebaut und empfohlen wurden.

Interessant sind die zahlreichen Mostbirnensorten dieser historischen Sammlung. Schwaben war schon immer das Land des Mostes und der Bedarf konnte zeitweilig nur durch Einfuhr aus anderen Regionen Deutschlands oder aus Ländern wie Österreich, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz gedeckt werden. Am Stuttgarter Nordbahnhof  wurden 1915 in der Zeit vom 6. September bis 13. November 2329 Eisenbahnwagen mit auswärtigem oder ausländischem Mostobst abgefertigt.

Wie bereits erwähnt repräsentiert das Gussenstädter Obstkabinett die Obstsortenvielfalt von Schwaben bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Berücksichtigung fanden Tafel- und Wirtschaftsobst. Alle in ihrer Vielfalt anbauwürdiger Obstsorten dieser Region, die unaufhörlich im Grundblatt der baden-württembergischen Obstbauzeitschrift „Der Obstbau“ empfohlen wurden.

Heute werden in Supermärkten weniger als zehn Apfelsorten, vier Birnensorten und wenige Steinobstarten angeboten, winzige Sortimente in Bioläden erinnern an die einstige Sortenvielfalt mit den unterschiedlichen Geschmacksnuancen. Viele alte Obstsorten mit natürlichen Resistenzgenen gegen typische Pflanzenkrankheiten und tierische Schädlinge gingen unwiederbringlich verloren, es waren an die Region angepasste Sorten, die auch ohne zwanzigmaliges Spritzen auskamen.

Mit den Modellfrüchten des Gussenstädter Kabinetts sind uns jene landestypischen, heute nicht mehr angebauten oder fast ausgestorbenen Obstsorten in dreidimensionaler Form erhalten.

Dem Besucher gibt die nach der Natur geformte und bemalte Sammlung die Möglichkeit, die Obstsortenvielfalt des vergangenen Jahrhunderts kennen zu lernen und selbst Kunstkenner werden diese einmalige Kollektion schätzen lernen.

Klaus Schuh und Dr. Ute Schuh

© Willi-Martin Jäger Gussenstadt letzte Änderung 23.04.2012

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